Im täglichen Leben, small-talk nennen es viele, wird häufig das Wort "Schicksal" benutzt. Es handelt sich um einen Begriff,der zwar in aller Munde ist, den jedoch niemand wirklich verstehen kann, da das, was wir uns gemeinhin darunter vorstellen, unserem Wissen/Bewußtsein nicht zugänglich ist. Wir können den Begriff also nur in "unscharf zu beschreibender Bedeutung" intuitiv verstehen. Bei "Schicksal" denken wir an "Zufall, Begegnungen, glückliche oder schreckliche Fügungen, Vorsehung, Himmel, Strafe, Belohnung, Vorherbestimmtheit, Rache.
Wir können mit unseren körperlichen und geistigen Fähigkeiten nicht in Bereiche eindringen, die beweisen würden, daß es "Schicksal" wirklich gibt oder nichts derartiges existiert, keine Kraft, die sich mit dem Ausdruck beschreiben ließe. Ich weiß, es gibt Menschen, die behaupten, all derartige Dinge sehen zu können, aber ich traf noch niemenden, der mir das vorführte und mir auch anhand seiner Lebensführung deutlich machte, sein eigenes Leben mit der Hilfe solcher Gaben schöner zu gestalten.
Menschen leben in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen, und allles, was sich entwickelt, hängt auch davon ab, in welches Land und in welche Familie ein Mensch geboren wurde. Wie aber sollen wir herausfinden, welche Ursachen es hat, in welchen politischen und familiären Kontext jemand hineingeboren wurde? Und wie sollen wir herausfinden, welche Kräfte dazu führen, daß zwei Menschen sich begegnen und dann auch noch etwas mit sich anzufangen wissen ("füreinander bestimmt, Liebe auf den ersten Blick" etc)?
Warum befindet sich der eine Mensch an einem unheilvollen Ort, während ein anderer, der ebensogut dort sein könnte, z.B. in einem abstürzenden Flugzeug, jemand der auch den Flug gebucht hat, einfach nicht anwesend ist?
Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß es so etwas gibt, in jedem Bekanntenkreis kursieren solche Geschichten.
Wahr ist, daß wir all diese Dinge nicht genau wissen können. Könnten wir es, würden wir unser Leben viel genauer steuern können. Dann könnten wir nämlich die präzisen Voraussetzungen dafür schaffen, daß gewünschte Ereignisse eintreten und unerwünschte ausbleiben können.
Wir können jedoch etliche Voraussetzungen schaffen, daß das Eintreten gewünschter Ereignisse "wahrscheinlich" wird und das Ausbleiben unerwünschter Ereignisse "unwahrscheinlich". Sicher erleichtert es die Schaffung der nötigen Voraussetzungen, wenn wir uns selbst so genau wie möglich vorstellen können, was wir erreichen wollen. Das ist nämlich dafür erforderlich, damit wir uns selbst so sicher wie möglich werden, das Gewünschte auch wirklich erreichen zu wollen und Selbst-Sabotage in jeglicher Form so gut wie möglich ausschließen.
Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir innerlich bereits so real wie möglich in den gewünschte Vorstellungen leben, uns daran gewöhnen, da wir auf diese Weise unterscheiden können, ob wir das scheinbar Gewünschte wirklich wollen. Was nützt eine pauschale Idee, ein pauschaler Wunsch, etwa "im Lotto gewinnen!", wenn wir innerlich überhaupt nicht bereit sind, ein völlig anderes Leben als bisher führen zu wollen.
Oder wenn wir uns wünschen, nicht mehr allein zu leben, also einen Lebenspartner zu haben, aber tief in uns drin etwas vollkommen dagegen spricht, Ängste etwa oder zuviel Eigensinn und mangelnde Toleranz. Wenn wir uns also richtig in allen möglichen Einzelheiten, Licht- wie auch Schattenseiten, Freuden wie auch Pflichten, vorstellen können, was wir uns oberflächlich wünschen, haben wir schon eine sehr wichtige Voraussetzung geschaffen.
Dann werden wir uns selbst nicht mehr im Wege stehen, jedenfalls ist es unwahrscheinlicher geworden.
Nur das "Schicksal" für sich arbeiten lassen und sich nicht mit sich selbst auseinander setzen zu wollen, wird wahrscheinlich nicht dazu führen, ein glücklicher Mensch zu werden. Die Lebenserfahrungen vieler Menschen sprechen dagegen.
Ich empfehle an dieser Stelle, gut geschriebene Biographien zu lesen, sie sind eine Fundgrube, um von anderen Menschen zu lernen, in welchen Facetten das Leben erlebt werden kann. Man erfährt vieles über die Vorstellungen und die Ängste anderer Menschen und darüber, wie sie mit den Anforderungen fertig geworden sind, die sie selbst an sich gestellt haben oder die ihnen von der Summe ihrer Lebensumstände ("Schicksal?") gestellt wurden.
Es gibt das geflügelte Wort" Jeder ist seines Glückes Schmied!" (Gottfried Keller schrieb 1873 ein Stück mit dem Namen "Der Schmied seines Glückes") Das bedeutet nach meinen Verständnis nicht, daß jeder direkt alles verantworten müßte, was ihm widerfährt, aber kaum jemand wird wohl behaupten können, alles getan zu haben, was er hätte tun können, um eine bedrohliche oder unangenehme Situation abzuwenden, die erkennbar war, oder alle Voraussetzungen geschaffen zu haben, eine erwünschte Situation eintreten lassen zu können. Unsere eigene Unentschlossenheit, Unsicherheit und manchmal ausgeprägte innere Unruhe hindern uns bisweilen, diesbezüglich "perfekt" zu sein. Das ist menschlich, aber trotztdem müssen wir selbst für alle Unterlassenschaften einstehen und das Ungemach ertragen, das daraus erwächst.