JHC

Suche nach einem Weltbild

Was bewegt mich, mich mit derartigen Fragen zu beschäftigen? Seit meiner frühsten Kindheit spürte ich einen grundsätzlichen Mangel. Dieser Mangel bestand darin, daß ich die Welt in der ich mich befand, nicht verstand. Viele Dinge, die ich wahrnahm, paßten nicht zusammen. Die Menschen redeten andere Dinge als sie dachten, es wurde viel gelogen, es schien kein wirkliches Fundament zu geben, wo jemand sagen konnte: "So ist das, genau so liegen die Dinge!" Ich fand nirgendwo diese Schärfe, die es eigentlich geben müßte, wenn wir uns in einer wirklich real - materiellen Welt befinden würden. Die Sprache drückt es aus, wenn wir sagen" die Person erschien" anstatt zu sagen, sie wäre tatsächlich ein Gegenstand in der Gegenwart. "Anwesend", auch so ein unscharfes Wort, drückt das gleiche aus, nämlich das etwas zwar "da" ist, aber eben nur als "Wesen", nicht als Gegenstand = reale feste Materie. Ja, man hatte allerhand sinnliche Wahrnehmungen, Wärme, Farben und dergleichen - aber alles, was mit Menschen zu tun hatte oder mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, dem Denken überhaupt, der Kommunikation der Menschen untereinander - all das war nicht wirklich greifbar. Es gab kein schlüssiges Bild.

Kein Weltbild vorhanden

Mich wunderte auch, daß niemand solche Fragen stellte wie ich, auch über Gedankenübertragung wurde nicht gesprochen, obwohl sie offensichtlich war. All die Mühe und Qualen meiner Mitmenschen (es war immerhin gerade erst der 2. Weltkrieg vorbei und das Leben war sehr hart) brachte sie nicht dazu, über das Leben nachzudenken und über die Resultate zu reden. In meiner gesamten Jugend waren das die Sternstunden, wenn Erwachsene einmal thematisierten, was für mich die naheliegendsten Fragen waren: Wo kommen wir her? Wohin gehen wir und was soll das hier alles? Warum handeln die Menschen so, wie sie handeln?

Die Religion, ich wurde leidlich evangelisch erzogen, brachte keine Antworten. Es herrschte der Vietnamkrieg, da konnte es doch wohl keinen Gott geben, der so pervers war, zuzulassen, daß kleine Kinder mit brennendem Napalm übergossen werden, das aus Flugzeugen fällt. Die Bilder und Filme über Ausschwitz etc. durften wir auch in der Schule "genießen", ohne dazu irgendwie psychisch begleitet zu werden. Wie sollte man das mit der Existenz eines liebenden Gottes oder einem irgendwie geartetem Weltbild zusammenbringen, außer dem, daß alles hier von einer bösen Macht inszeniert worden sein muß? Und wie soll man das damit zusammen bringen, daß die Menschen trotztdem so gerne leben und immer wieder von vorne anfangen, wenn alles zerstört ist und Besserung aussichtslos erscheint?

Do it yourself

Als wir später in der Schule von Evolution und dergleichen hörten, Urknall wurde gerade modern, faßte ich mir an den Kopf: ich wußte genau, daß das nicht mit meinen Gefühlen und inneren Wahrheiten überein stimmte. Also mußte ich mich selbst auf die Suche nach Antworten machen. Mein Weg führte mich über viele inneren Kämpfe gegen eigene Einstellungen und Meinungen und fast 30 Jahre intensiven Arbeitens an mir selbst dazu, mich einmal ganz genau mit dem Charakter dessen zu befassen, was wir "Wirklichkeit" nennen. Das schien mir ein zentrales Element für unser Selbstverständnis und für alle Probleme der Zivilisation zu sein. Nach ein paar Jahren erkannte ich dann, das da nichts Festes ist. Ich erkannte, daß alles, das gesamte "So - Sein" Strukturen sind, die als rein geistige Qualitäten existieren wie wir selbst auch.

Fremdbestimmt

Damit war ein wesentliches Problem "theoretisch" gelöst, nun muß ich daran gehen, mein Leben und meine gesamten Empfindungen nach meinen eigenen Vorstellungen auszurichten. Bislang war ich ja wie jeder andere Mensch auch von der gesamten Kultur total fremdbestimmt worden. Ich betrachte es als meine Aufgabe, erstens mich selbst diesbezüglich weiterzuentwickeln und zweitens meine Kinder, meine Freunde und alle, die es möchten, über das, was ich denke, zu informieren.

Mich selbst neu erfinden

In all den Jahren haben sich meine Gefühle gegenüber der Welt ständig verändert. Tägliche Routine fühlte sich nach inneren Reifungsprozessen, besonders nach Rückführungen, völlig anders an als vorher, vieles war mir fremd geworden, was mir davor vertraut erschienen war. Aber ich weiß, wenn ich einen Weg "raus" finden will, muß ich viele Überzeugungen von früher über Bord werfen. Das ist das Schwerste überhaupt: loszulassen von Denkinhalten, die mein bisheriges Bewußtsein und damit mich selbst bisher ausgemacht haben. Ich muß mich sozusagen "selbst neu erfinden". Die überkommenen kulturellen Vorstellungen von der Realität, in der wir leben, waren mir jedenfalls seit langem viel zu eng.

JHC 7. Februar 2004