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Fließen lassen - die eigene Perspektive

Was verstehe ich unter "Fließen lassen"? Es ist so, als wenn man Auto fährt oder tanzt: Hindernisse umkurvt man elegant, ohne sich lange damit auseinander zu setzen. Man ahnt, wo es eng werden könnte und vermeidet ohne Angst die Schwachstellen. Je besser wir dieses beherrschen, umso mehr haben wir "grüne Welle", umso mehr fließen die Ereignisse unseres Lebens. Sie kommen und sie gehen. Es wäre illusorisch, zu versuchen, als "negativ" empfundene Erfahrungen in Zukunft vermeiden zu wollen, indem wir den vermeintlichen Ursachen aus dem Weg zu gehen. Damit so ein Vorhaben gelingt, müßten wir die Ursachen genau erkennen. Da jedoch die Ursachen in unserer mangelnden Reife lagen und alles andere nur durch Resonaz hervorgerufene Sekundärerscheinungen (nicht Wirkungen) waren, befinden wir uns kaum jemals wieder in einer Situation, die einer alten, unerfreulichen gleicht, sofern wir uns wirklich weiterentwickelt haben.

Ich wiederhole an dieser Stelle: Protest und Sturheit hat uns bisher in unserem Leben begleitet, und je weniger wir gegen etwas oder jemanden protestieren, umso besser fließen die positiven Entwicklungen zu uns. Wir können sicher sein: immer dann, wenn wir mit dem Finger auf andere zeigen und meinen, die anderen müßten sich eben anders verhalten, damit es uns selbst gut geht, irren wir uns. Wir selbst machen, denken uns ja unsere Realität zurecht, und niemand zwingt uns, sie so zu denken, wie wir es tun. Das schaffen wir ganz allein. Fallen wir dabei auf Suggestionen anderer herein, ist auch dieser Mechanismus unser eigener. Das Gute daran ist, daß wir dann bemerken, wo wir noch an uns zu arbeiten zu haben, wo wir das "selbst Denken" noch verfeinern können. Suggestionen anderer sind nicht "böse", sondern andere vertreten nur ihre eigenen Interessen bisweilen unerwartet nachhaltig. Wenn wir es uns gefallen lassen, ist es unsere eigene Sache.

Zufälle oder Ähnlichkeiten (Resonanz)

Das Leben geht seltsame Wege, daher können wir niemals sagen, etwas sei "unmöglich" oder "unwahrscheinlich". Ich will damit ausdrücken, daß wir zu arm an Vorstellungskraft sind, uns dieses vorzustellen. Oft kommt dazu, daß wir so schnell sind im Denken, das wir "Logik" nennen, und das oft in Abwertung besteht. In Wahrheit ist das Leben voll mit überraschenden und interessanten Ereignissen, die sich nach den "Gesetzen" der Wahrscheinlichkeitsrechnug niemals oder nur ganz selten ereignen dürften. Lesen Sie Autobiographien bekannter Persönlichkeiten und suchen Sie in Suchmaschinen nach "Synchronizitäten, Zufälle, Merkwürdigkeiten, Wunder". Sie werden erstaunt sein, was Sie zu lesen bekommen. Hilfreich ist ebenso, den Alltag besser als gewohnt zu beobachten: Wieso trifft man gewisse Menschen immer wieder? Wieso begegnen uns Worte manchmal in verschiedenen Zusammenhängen gleichzeitig, z.B. sagt man etwas in einer Gesprächsrunde, und gleichzeitig wird der gleiche Begriff im daneben laufenden Fernseher gesagt! Oder noch krasser. man zappt von einem Programm zum nächsten und hier wird ein Satz unterbrochen durch das Zappen und im nächsten wird er beendet!! Achten Sie einmal im Alltag auf Ähnlichkeiten, die ohne Bezug zueinander existieren oder merkwürdige Zuffälle! Ist es nicht spannend? So basteln wir uns eben "Realität", was kommt, kommt deshalb, weil es zu uns paßt.

Immer die eigene Perspektive wählen

Förderlich in meinem Sinne ist, die eigene Perspektive des "Weltanschauens" stets neu und bewußt zu wählen, um nicht in kulturelle Gewohnheiten zu verfallen. Damit meine ich folgendes: ich selbst wähle aus, von wo aus ich die Realität "sehen" möchte. Nicht die Lehre, die Kultur, das allgemeine ökologische Bewußtsein, nicht die "political correctness", die Religion, sondern mein heute von mir gewählter Standpunkt (bzw. Standpunkte) entscheidet über meine Sicht der Dinge, die ich als "Realität" wahrnehme. Mein Standpunkt ist nicht "neutral" oder "objektiv", sondern es ist der Standpunkt, der mir selbst am angenehmsten ist, nicht der, den ich glaube einzunehmen zu müssen.

In Gesprächen scheint es mitunter so zu sein, daß man einen opportunistischen Standpunkt anzunehmen hätte, um nicht undiplomatisch zu wirken und niemanden vor den Kopf zu stoßen. Aber begeben wir uns damit nicht auf Geleise, die mit uns selbst, mit unseren inneren Motiven und Gefühlen nichts zu tun haben? Ist es nicht so, daß es in dieser Kultur üblich ist, lieber sich selbst und seine eigenen inneren Werte zu verraten als zu dem zu stehen, was wir selbst sind? Ich habe Probleme damit, mich in Situationen zu begeben, in denen ich nicht "ich selbst" sein kann. Deshalb meide ich solche menschlichen Kontexte nach Kräften. Ich möchte keinen Protest bei anderen Menschen provozieren und ich möchte mich selbst nicht verbiegen. Dann vermeide ich lieber den Kontakt, wenn es geht, und nutze erfreulichere Zusammenkünfte, in denen ich "ich selbst" sein kann.

Selbstverantwortung

Die Wahl des eigenen Standpunktes bedeutet, sich verantwortlich zu fühlen. Es bedeutet nicht, sich für andere verantwortlich zu fühlen, sondern für das eigene Erleben. Da wir uns jedoch gerne davor drücken, die erlebte Realität als von uns selbst verursacht zu bewerten, sondern lieber andere Menschen, die Kultur, die Situation, die Kapitalisten, die Politik etc. verantwortlich machen, haben wir nicht unseren eigenen Standpunkt eingenommen, sondern den üblichen gesellschaftlichen - klagenden - weinerlichen, protestierenden Standpunkt. Das einzige, was wir dabei (vorübergehend) beklagen könnten, wäre unser eigener Zustand. Wir sagen zu uns selbst: "die Dinge sind, wie sie sind, und ich selbst will mich trotzdem so gut wie möglich fühlen. Meine So - Seins - Qualität hat mich in die Nähe dieser Dinge gebracht, und also muß ich meine So - Seins - Qualität verändern, um in Zukunft bessere, angenehmere Dinge zu erleben. Und jetzt muß ich erstmal meinen inneren Zusand so weit verbessern, daß ich nicht mehr protestiere, sondern die Situation annehmen kann. Auch wenn ich es selbst nicht nachvollziehen kann, läßt mein eigener Einfluß auf mein Denken (oder die Abwesenheit eigenen Denkens = die Wirkung von Suggestionen anderer) mich selbst die Situation so erleben, wie ich sie erlebe".

Kreatives Fragen

Wie könnte ich es schaffen, stets einen eigenen Standpunkt einzunehmen? Ich könnte mir Fragen ausdenken, prüfende Fragen. Dafür beispielhaft:

  • aus wessen Sicht bewerte ich im Moment meine Situation?
  • beinhaltet meine Sicht ein "ich erkenne an, daß ..."?
  • beinhaltet meine Sicht "ich nehme aus meiner Perspektive folgende Einzelheiten wahr..."
  • versuche ich die Realität, wie sie mir im Moment erscheint, gewaltsam zu verbiegen (Protest)?
  • nehme ich wahr, was ich selbst gegenwärtig zu tun habe oder hindert mich Protest daran?
  • sehe ich die gegenwärtige Realität aus der Perspektive der Opfer?
  • sehe ich die gegenwärtige Realität aus der Perspektive des Neides?
  • sehe ich die gegenwärtige Realität aus der Perspektive des eigenen Hasses?
  • sehe ich die gegenwärtige Realität aus der Perspektive der inneren Ruhe und der Kraft oder eher des Gehetzt - Seins?
  • wer hat mich in die gegenwärtige Situation hinein manöveriert?
  • wie müßte ich denken und handeln, um das Beste aus der gegebenen Situation zu machen?
  • wessen Wertvorstellungen oder Denkmodellen folge ich, wenn ich die gegenwärtige Situation nicht annehmen möchte?
  • wie könnte ich mein eigenes Denkmodell zur Wirkung kommen lassen?

Selbstehrlichkeit

Solche und ähnliche Fragen stelle ich mir, um mir bewußt zu werden, wie ich eigentlich denke und woher meine Motivationen stammen. Es ist an jedem selbst, die Ehrlichkeit aufzubringen und herauszufinden, warum uns geschieht wie uns geschieht und was uns motiviert, uns so zu entscheiden, wie wir uns entscheiden.

JHC 19. November 2003